Mittwoch, 11. April 2007

Auflösung des Begriffs "Stadt"

Wenn es in einem intellektuellen Diskurs um die Auflösung und Erweiterung von Begriffen geht, werde ich misstrauisch. Es ist sehr einfach und wohlfeil, sich innovativ zu gebärden, indem man etablierte Kategorien auf den Kopf stellt, um dann die Diskussion in Chaos und Beliebigkeit enden zu lassen.

Wie kompetent und kenntnisreich so ein rein destruktiver Vorgang präsentiert werden kann, dafür gibt Regina Bormann von der Uni Dortmund mit ihrem Beitrag Jenseits der Stadt ein Beispiel. Demnach ist die Stadt im herkömmlichen Sinne eine überflüssige und überholte Leitvorstellung, der nur noch unverbesserliche Nostalgiker anhängen, die sich bei jeder Siedlungsform an die letzten Reste von historischer Identität klammern. Es gebe weder die Notwendigkeit, die Urbanität und ihre herkömmlichen Merkmale wie Dichte und Kompaktheit anzustreben, noch könne von einer regionalen oder städtischen Identität gesprochen werden, da Urbanität einzig und allein eine Geisteshaltung sei und sich regionale Unterschiede ebenso wie die Grenzen von Stadt und Landschaft mehr und mehr auflösen.

Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Irgendwann, so dachte ich, muss doch deutlich werden, wie sich diese Vorstellungen vom Leitbild der "Gegliederten und aufgelockerten Stadt" der 60er Jahre unterscheiden. Da viele Belegstellen aus den 50er Jahren stammen, wurde mir irgendwann klar, dass eine solche Unterscheidung gar nicht angestrebt wurde, sondern dass hier eine längst überholte Idee im Gewand der Fortschrittlichkeit daherkommt.

Daher hoffte ich bis zum Schluss vergeblich, dass die Autorin endlich darauf kommt, dass Dichte und Kompaktheit keine ästhetischen, sondern rein funktionale Merkmale von Urbanität sind und dass die Identität und Gestalt einer "Siedlungsform" (sie vermeidet konsequent das Wort "Stadt") nicht von rückständigen Nostalgikern entworfen wird, die es zu bekämpfen gilt, sondern sich einfach aus der ökonomischen Notwendigkeit ergibt, den Erschließungsaufwand gering und die Entfernungen kurz zu halten.

Hier wird bewiesen, was eigentlich widerlegt werden sollte: nämlich dass der Ort, an dem man lebt und arbeitet, nicht nur eine eigene Identität hat, sondern auch die persönliche Identität beeinflusst und die Sicht auf die Dinge je nach Temperament und Veranlagung klärt oder trübt: Das Ruhrgebiet ist wahrlich dicht genug besiedelt, urbane Qualitäten werden nicht vermisst und daher auch nicht geschätzt. Ich empfehle der Autorin einen längeren Studienaufenthalt in der Niedersächsischen Provinz.

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