Freitag, 15. August 2008

Was erreicht werden konnte, ist erreicht.

Heute, nach zweieinhalb Jahren Diskussion auf allen Ebenen, geht mir auch langsam die Puste aus. Immerhin gibt es jetzt einen neuen Flächennutzungsplan, der keine zusätzlichen Flächen beansprucht, aber dafür die Bauflächen aus der Peripherie an den Ortskern verlagert, es gibt einen Investor für ein anspruchsvolles Wohnprojekt in der Innenstadt (zum ersten Mal eine Alternative zum Häuschen am Stadtrand!) und einiges mehr, was ich noch nicht benennen wil, um der Sache nicht zu schaden.

Natürlich hat es Streit gegeben, natürlich gab es die bekannten Rückschläge, die in letzter Minute beinahe alles zunichte gemacht hätten, und natürlich hat sich mein Ruf als elitärer und hochnäsiger Traumtänzer bei all denen gefestigt, die mir das Erreichte nicht gönnen und mir die Eingriffe in ihren Einflussbereich durchaus nicht verzeihen wollen. Ich sehe das eher als Bestätigung und aufrichtige Anerkennung meiner Arbeit.

Wir sitzen als Bewohner unserer kleinen Stadt alle im selben Boot, und es gibt viele, die eher hinnehmen würden, dass wir alle gemeinsam untergehen, als dass sie unterschiedliche Wohn- und Lebensformen akzeptieren.

Wir brauchen mehr Kreativität und weniger Konformismus, das ist mein größter Wunsch für diese Stadt.

Freitag, 20. April 2007

Wie reagiert das Volk?

Am vergangenen Dienstag habe ich meine Thesen einmal in der Runde meiner Kollegen und Mitstreiter vertreten. Es wurde sofort deutlich, wo das Problem liegt. Unser Städebau ist nicht etwa nur ein Zeichen von Ratlosigkeit, sondern Ausdruck eines gesellschaftlichen Klimas, dass von Neid und Konfliktscheu geprägt ist. Der konfuse Siedlungsbrei aus Einfamilienhäusern (Titelbild) dient dem Zwang zum Konformismus und der Nivellierung von sozialen Unterschieden. Jeder bekommt das Gleiche: ein Grundstück mit einem Haus darauf, einschließlich Vorgarten, Bürgersteig und 6,50 m breiter Straße. Bessere oder schlechtere Lagen gibt es nicht, zumindest spiegeln sie sich nicht in der Stadtstruktur wieder: die Flächen am Waldrand sind genauso erschlossen und angelegt wie an der Ausfallstraße. Würden die Häuser und ihre Bewohner ihren Platz und ihre Rollen tauschen, nichts würde sich ändern.

Wir leben in einer Region, die zwar ein gewisses Maß an Originalität zu Unterhaltungszwecken akzeptiert, den sozialen Aufstieg des Nachbarn aber als Kränkung empfindet. Neid gilt nicht als unappetitlicher Charakterfehler, sondern ist eine weithin akzeptierte Eigenschaft. Kein Wunder also, dass ein jeder ängstlich darauf bedacht ist, mit der Wahl seiner Wohnform keinen Anstoß zu erregen.

Bisher wurden Zuwanderer durch billiges Bauland angeworben, dass die Gemeinden mit vollen Händen auf dem Markt geworfen haben. Inzwischen löst dieser Weg ein gewisses Unbehagen aus. Unsere kleine Stadt sollte also gezielt wirtschaftlich stärkere Zuwanderer anwerben, und ihnen die Möglichkeit geben, sich angemessen zu präsentieren: dazu muss das städtische Wohnen in den wenigen innenstadtnahen Lagen flächensparend, aber repräsentativ sein. Ebenso gehören in den besten Lagen am Stadtrand einzelne attraktive Villengrundstücke ins Angebot, auch wenn das Volk zähneknirschend dabei zusieht.

Mittwoch, 11. April 2007

Auflösung des Begriffs "Stadt"

Wenn es in einem intellektuellen Diskurs um die Auflösung und Erweiterung von Begriffen geht, werde ich misstrauisch. Es ist sehr einfach und wohlfeil, sich innovativ zu gebärden, indem man etablierte Kategorien auf den Kopf stellt, um dann die Diskussion in Chaos und Beliebigkeit enden zu lassen.

Wie kompetent und kenntnisreich so ein rein destruktiver Vorgang präsentiert werden kann, dafür gibt Regina Bormann von der Uni Dortmund mit ihrem Beitrag Jenseits der Stadt ein Beispiel. Demnach ist die Stadt im herkömmlichen Sinne eine überflüssige und überholte Leitvorstellung, der nur noch unverbesserliche Nostalgiker anhängen, die sich bei jeder Siedlungsform an die letzten Reste von historischer Identität klammern. Es gebe weder die Notwendigkeit, die Urbanität und ihre herkömmlichen Merkmale wie Dichte und Kompaktheit anzustreben, noch könne von einer regionalen oder städtischen Identität gesprochen werden, da Urbanität einzig und allein eine Geisteshaltung sei und sich regionale Unterschiede ebenso wie die Grenzen von Stadt und Landschaft mehr und mehr auflösen.

Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Irgendwann, so dachte ich, muss doch deutlich werden, wie sich diese Vorstellungen vom Leitbild der "Gegliederten und aufgelockerten Stadt" der 60er Jahre unterscheiden. Da viele Belegstellen aus den 50er Jahren stammen, wurde mir irgendwann klar, dass eine solche Unterscheidung gar nicht angestrebt wurde, sondern dass hier eine längst überholte Idee im Gewand der Fortschrittlichkeit daherkommt.

Daher hoffte ich bis zum Schluss vergeblich, dass die Autorin endlich darauf kommt, dass Dichte und Kompaktheit keine ästhetischen, sondern rein funktionale Merkmale von Urbanität sind und dass die Identität und Gestalt einer "Siedlungsform" (sie vermeidet konsequent das Wort "Stadt") nicht von rückständigen Nostalgikern entworfen wird, die es zu bekämpfen gilt, sondern sich einfach aus der ökonomischen Notwendigkeit ergibt, den Erschließungsaufwand gering und die Entfernungen kurz zu halten.

Hier wird bewiesen, was eigentlich widerlegt werden sollte: nämlich dass der Ort, an dem man lebt und arbeitet, nicht nur eine eigene Identität hat, sondern auch die persönliche Identität beeinflusst und die Sicht auf die Dinge je nach Temperament und Veranlagung klärt oder trübt: Das Ruhrgebiet ist wahrlich dicht genug besiedelt, urbane Qualitäten werden nicht vermisst und daher auch nicht geschätzt. Ich empfehle der Autorin einen längeren Studienaufenthalt in der Niedersächsischen Provinz.

Mittwoch, 4. April 2007

"Burgstadt" als Modellversuch?

Heute erreichte mich der Entwurf für einen Artikel, den ein Kollege aus "Burgstadt" an der Nordseeküste (Name geändert) in der dortigen Lokalzeitung veröffentlichen will. Eine heroische Verzweiflungstat, die einem sozialen Selbstmord gleichkommt. Außerdem wird die Zeitung damit völlig überfordert sein.

Dieser Mann ist wirklich zum Äußersten gebracht. Daher verzeihe ich ihm auch, dass er ein paar von meinen Formulierungen übernommen hat. Aber in einem Punkt hat er sicher den richtigen Weg gefunden: Man muss die Leute dort packen, wo es wirklich wehtut - am Portemonnaie.

Seine Strategie:

Wer wirklich deutlich macht, dass die Immobilienpreise nur deshalb verfallen, weil eine Stadt ständig billiges Bauland in den Markt pumpt, kann vielleicht einem sinnlosen Flächenverbrauch entgegenwirken. Nach Leküre dieses Artikels sollte kein vernünftiger Mensch mehr seine Stimme für ein neues Einfamilienhausgebiet hergeben.

Donnerstag, 8. März 2007

Die subversive Elite

Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn! Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen. (Schiller)

Man muss aristokratisch sein in diesem nivellierenden Zeitalter. In meinem Beruf fällt mir das schwer, da ich meine fachliche Position mehrheitsfähig präsentieren muss und auf keinen Fall elitär wirken darf.

Ich will aber unsere ländliche Region, in der ich seit vielen Jahren tätig bin, voranbringen und attraktiv machen für eine Elite von kreativen, nachdenklichen Menschen.

Das Titelbild zeigt deutlich, wie weit ich von diesem Ziel noch entfernt bin: Unsere Stadtplanung befand sich in den entscheidenden 80er und 90er Jahren auf einem geradezu kindlichen Niveau. Es ging nur darum, jedem möglichst billig zu seinem freistehenden Einfamilienhäuschen zu verhelfen. Alle dafür in Frage kommenden Flächen wurden innerhalb weniger Jahrzehnte mit einem gestaltlosen Siedlungsbrei bedeckt.

Jetzt, wo der kurzlebige Boom vorbei ist, sitzen in diesen jämmerlichen Häuschen viele altgewordene Ureinwohner, die zum Teil seit Jahren verzweifelt einen Käufer für Ihre mit allen möglichen Baumarktprodukten verschandelte Immobilie suchen und sich wundern, dass ihnen kein Mensch auch nur ein Butterbrot dafür geben möchte. Das halbe Leben haben sie sich für etwas krummgelegt, das jetzt nichts mehr wert ist - es gab wohl niemanden, der ihnen das vorher gesagt hat.

Wenn ich ehrlich bin, kann ich mir kaum vorstellen, dass ein Mensch, der geistige Bedürfnisse hat und intellektuelle Anregung braucht, in einer solchen Region leben will. Einen Grund allerdings könnte es dafür geben: es ist äußerst billig, hier ein Haus zu kaufen und es gibt durchaus interessante Objekte, die woanders unbezahlbar wären: Jugendstilvillen in bester Stadtrandlage, Atelierhäuser direkt in der Fußgängerzone, ländliche Anwesen mit riesigen Grundstücken usw. - Als Kaufinteressent wähnt man sich im Paradiese.

Wer einen Traum verwirklichen möchte, kann dies hier tun: als Künstler mit eigenem Atelier, als Stadtbewohner in großbürgerlichem Ambiente, als Gründer einer Landkommune mit besten Voraussetzungen für die Selbstversorgung und die Direktvermarktung der Erzeugnisse des eigenen Hofes oder als Gastronom in einer touristisch erschlossenen Stadt.

Die Verwirklichung solcher Träume möchte ich unterstützen - dazu dient dieses Webtagebuch. Ich will beste Rahmenbedingungen für die Verwirklichung jedes Traumes schaffen, der unserer Region zu mehr Urbanität und engagierten Einwohnern verhilft.

Außerdem wünsche ich mir ein Netzwerk engagierter Kollegen, die ähnliches versuchen. Es gibt gute Ansätze, allerdings hat man den Eindruck, sie bleiben auf der akademischen Ebene stecken, wenn auch die vorgetragenen Ansichten sehr überzeugend wirken:

Zum Beispiel:

Lebe Deine Stadt

Suburbanisation Sucks

Denkräume e. V.

Wieviel dringt davon in die Praxis vor?

Dann gibt es noch das Beispiel eines von mir sehr geschätzen Kollegen, der in seinem Weblog zum Thema Kunst und Stadtentwicklung die besten Beiträge entfernen musste, weil irgendeinem mißgünstigen Kommunalpolitiker seine Kritik an der örtlichen Stadtentwicklung ein Dorn im Auge war. Es zeigt, wie vorsichtig man auf der offiziellen Ebene agieren muss, um überhaupt wirksam zu sein, selbst wenn man die besten Absichten hat (oder gerade dann).

Ich werde also vorsichtig und subversiv sein - ein wenig Anarchie tut manchmal richtig gut.


(Fortsetzung folgt)

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